Ziviler Ungehorsam
Ein Impuls von Dr. Markus Weingardt
Impuls zum Tag des zivilen Ungehorsams
Heute, am 3. Juli, wird in den USA der Tag des zivilen Ungehorsams begangen. Leider nur in den USA, denn die Idee wäre es wert, durch einen solchen Tag auch international stärker ins Bewusstsein gerückt zu werden.
Ziviler Ungehorsam ist ein Teil, ist eine Form des zivilen, gewaltlosen Widerstandes. Doch kann gewaltloser Widerstand überhaupt funktionieren? Bringt das überhaupt etwas – angesichts brutaler Gewalt durch Besatzung, Diktatur, in Bürgerkriegen??
Diese Frage stellten sich auch die beiden US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen Erica Chenoweth und Maria Stephan. Dazu untersuchten sie über 300 Fälle von Widerstandsbewegungen und Aufständen zwischen den Jahren 1900 und 2006. Rund zwei Drittel dieser Fälle waren gewaltsame, ein Drittel gewaltlose Widerstandsbewegungen. Nach allen strengen Regeln der wissenschaftlichen Kunst analysierten sie diese Hunderte von Beispielen, ob bzw. wie gewaltloser und gewaltsamer Widerstand wirken. Im Jahr 2011 veröffentlichten sie die Ergebnisse dann in dem preisgekrönten Buch „Why civil resistance works“, das 2024 endlich auch auf deutsch erschienen ist. Und die Ergebnisse ihrer Untersuchungen waren ebenso überraschend wie eindeutig:
- Gewaltlose Bewegungen sind in etwa 40 % der Fälle und damit doppelt so oft erfolgreich wie gewaltsame Bewegungen!
- Die Wahrscheinlichkeit für eine anschließende stabile Demokratisierung im Konfliktland ist zehnmal so hoch, während die Gefahr eines Rückfalls in Gewaltherrschaft und Bürgerkrieg nur halb so groß ist.
- Die Zahl der Opfer – der Toten, Verletzten und Traumatisierten Menschen – ist um vieles geringer, ebenso das Ausmaß der Zerstörung von Dörfern, Städten oder Infrastruktur. Das erleichtert dann auch den Wiederaufbau und das Zusammenleben, die Versöhnung nach dem Konflikt ganz erheblich.
- Zudem verschlingt der gewaltlose Widerstand nur einen Bruchteil der finanziellen Mittel wie der bewaffnete Kampf und die mit diesem einhergehende militärische Aus- und Aufrüstung. - Und schließlich, besonders erstaunlich: Gewaltlose Widerstandsbewegungen waren erheblich schneller erfolgreich, brauchten nur ein Drittel der Zeit im Vergleich zu gewaltsamen Aufständen.
Fazit: Gewaltloser Widerstand ist wesentlich effektiver und effizienter als gewaltsamer Widerstand. Doch wir dürfen uns nichts vormachen:
> Gewaltloser Widerstand ist nicht immer erfolgreich, keineswegs, aber die Wahrscheinlichkeit ist viel höher, doppelt so hoch!
> Auch gewaltloser Widerstand fordert Opfer, auch Todesopfer oder Inhaftierung und Folter, aber eben sehr viel weniger als gewaltsamer Widerstand oder Krieg und Bürgerkrieg.
> Auch gewaltloser Widerstand ist ein Kampf, aber eben ohne Waffen, und dieser Kampf verlangt sehr viel Mut, Durchhaltevermögen, Kreativität!
> Gewaltloser Widerstand ist nichts für Feiglinge. > Es ist ein dritter Weg zwischen Gewalt und passivem Zuschauen oder Wegschauen, ein dritter Weg zwischen Gewalt und Kapitulation.
Die Ergebnisse dieser Studie sind bahnbrechend. Und deshalb wäre es wichtig, dass Politiker:innen, Militärs, Journalist:innen und selbst Wissenschaftler:innen, die Ergebnisse der Studie von Chenoweth und Stephan endlich zur Kenntnis nehmen. Und darum wäre es gut, auch in Deutschland und weltweit einen Tag des zivilen Ungehorsams oder, eben weiter gefasst, des gewaltlosen Widerstandes zu begehen. Um die Idee und Wirksamkeit der Gewaltlosigkeit – auch im Angesicht brutaler Gewalt – ins Bewusstsein zu rufen. Gerade in diesen Zeiten ist dies nötiger und dringender denn je.
Ein Impuls von:
Dr. Markus Weingardt
Friedensforscher, Mitarbeiter bei der Stiftung Weltethos, Tübingen