Neujahr 2025

Wir müssen reden! Echt jetzt?

Wir müssen reden! Echt jetzt? - Ein Impuls von Stefan Schwarzer

Bibelvers

Matthäus 13,24 -30

„Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune."

Impuls

Das Brot in Händen haltend, bricht er es und dankt für die Fülle des Lebens. Die Liebe im Herzen wohnend, birgt er sie und dankt für die Zeit. Hinter der Schwelle zum neuen Jahr spüre ich ihm nach, diesem Jesus aus Nazareth, ihm und seinen treuen Weggefährt:innen.

Der Bauer hat das Korn gesät und sein Wachsen mit wachsamem Auge begleitet, hat es geerntet und dem Müller zum Mahlen gebracht. Der Bäcker hat sich das Mehl geholt und damit gebacken – all die Arbeit hält Jesus in Händen und dankt für die unverfügbare Fülle des Lebens. Er bricht es seinen Jüngern und dankt seinem himmlischen Vater dafür – und er erzählt ihnen:

Stellt euch vor, der Bauer geriet in Streit mit seinem Nachbarn: „Zwei deiner Schafe haben schon wieder ein Loch im Zaun gefunden und von meinem Feld Futter gestohlen!“ „Wie bitte?! Das glaubst du doch im Ernst nicht, als wäre ich zu blöd, meinen Zaun in Ordnung zu halten!“ „Wenn ich es dir doch sage, verdammte Axt!“ „Das reicht!“ – die Türe knallt, die Fäuste sind geballt. Des Nachts, der Bauer träumt gerade von einer reichen Ernte, da säte der Nachbar Unkraut zwischen das gute Korn und im Laufe der Wochen ging beiderlei Saat auf. Die erschrockenen Erntehelfer fragten den Bauern, ob sie das Unkraut jäten sollten, doch der ist erfahren und sagt: „Lasst es stehen, sonst machen wir beides kaputt! Und wenn das Korn reif ist, dann sammeln wir erst das Unkraut und dann das Korn.“

Jesus schaut lächelnd in unsere fragenden Gesichter.

Ihr Lieben, so sagt er, Ihr Lieben, liegt es nicht nahe, das Unkraut sofort zu vernichten? Die Worte des Feindes mit feindlichen Worten erwidern! Klare Bilder von Freund und Feind, damit alles schön einfach ist – so mögt ihr Menschen es doch, richtig? Ich aber frage euch: Wer zwingt uns, dieser Freund-Feind-Logik zu folgen? Warum sollten wir im anderen Kind Gottes einen Feind sehen, der wahlweise schwarz oder weiß, homo, hetero, cis oder transgender, Nord oder Süd, Mann oder Frau, jung oder alt ist?

Der Bauer, der einen Nahrungsmittelkonflikt mit seinem Nachbarn hatte, durchbricht diese Logik. Er holt nicht zu einem Gegenschlag aus, er nimmt in Kauf, dass die Ernte aufwendig wird: Zwei Mal übers Feld, erst das Unkraut weg, dann das gute Korn einfahren. Ökonomisch wird er damit beschädigt: Seine Erntehelfer muss er länger anstellen als geplant, damit wird die Ernte weniger Wert und er muss den Preis pro Kilo erhöhen, um ausreichend Gewinn davonzutragen. Der Bäcker wundert sich über den Preis fürs Mehl und schlägt es bei jedem Laib drauf – die Wohlhabenden kaufen das Brot weiterhin und zucken mit der Schulter, die Schlange vor dem Tafelladen jedoch wird länger.

Des Bauern Nachbar schaut sich das alles hinter seinen Gardinen an, er kratzt sich am Hinterkopf als er bemerkt, dass der Geschädigte keine Rache plant, er kratzt sich noch einmal am Hinterkopf, als er die Menschen vor dem Tafelladen sieht. Seine kleinen grauen Zellen machen sich einen Reim auf das Ganze und am Neujahrsmorgen schnappt er eine Flasche Riesling große Lage, geht rüber zum Bauern, atmet zwei Mal durch und klingelt:

„Wir müssen reden!“ „Echt jetzt?“ „Ja!“ – und sie öffnen die Flasche und brechen gemeinsam das Brot. Je länger der Morgen, desto öfter hört man sie lachen und als der Abend naht und die Sonne untergeht, da sind sie einander näher als noch am Altjahrabend. Die nächste Ernte ist nicht von Unkraut durchsetzt und der Bauer hat reichen Gewinn. In diesem Jahr ist das Brot billiger und die Schlange vor dem Tafelladen kürzer.

So endet Jesus und wir sitzen noch lange nachdenklich da.

Aktionsvorschlag

„Friedenskalender“: Schaut mal auf Insta unter diesem Stichwort – wir von der Evangelischen Friedensarbeit erzählen dort zwei Mal in der Woche über besondere Menschen oder Tage, die uns ein Impuls zum Frieden sein können. „Friedenskalender“ – ein neues Jahr beginnt, in dem wir das Leben teilen. Das kostbare, gefährdete, leichte und schwere und gottgeschenkte Leben.

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Ein Impuls von:
Stefan Schwarzer
Friedenspfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

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